Ostelsheimer Tracht

Ein Stück Ortsgeschichte

Unsere Tracht orientiert sich an der Festtagskleidung, wie sie um 1850 in Ostelsheim getragen wurde. Sie zeigt damit einen kleinen Ausschnitt der damaligen Trachtenvielfalt. Je nach Anlass, Familienstand und persönlichen Möglichkeiten unterschieden sich Kleidung, Stoffe und Schmuck.

Mit Eigeninitiative rekonstruiert

Zur historischen Tracht in Ostelsheim gibt es nur wenige Aufzeichnungen und Überlieferungen. Deshalb haben wir in Eigenregie zusammengetragen, was sich noch herausfinden ließ. Wo Hinweise fehlten, haben wir auch Trachten aus umliegenden Dörfern als Vergleich herangezogen. So entstand eine Rekonstruktion, die sich den historischen Vorbildern so weit wie möglich annähert und ein Stück Ostelsheimer Ortsgeschichte wieder sichtbar macht.

Die Frauentracht

Die Frauentracht besteht aus einem Rock aus schwarzem Tuchstoff, der hinten in Falten gelegt ist. Auf der rechten Seite befindet sich der Rocksack.

An den Rock ist das Leible angenäht. Dafür kommen verschiedene Stoffe und Muster infrage: etwa mit kleinen Blumen bestickter Samt oder grau beziehungsweise rot karierte Baumwolle. Geschlossen wird es mit Haken und Haften.

Darüber wird ein kurzer, taillierter Kittel aus Tuch getragen. Er ist schlicht geschnitten und hat Ärmel, die zum Handgelenk hin enger werden. Am Leible wird der Kittelbändel, auch Leiwlesbändel genannt, mit einer Brosche befestigt.

Eine weiße Leinen- oder Baumwollbluse mit leicht gerafften Ärmeln, die knapp über die Ellenbogen reichen, ergänzt die Kleidung. Ein schmaler Seidenschurz mit eingewebtem Muster bedeckt den Rock. Als Kopfbedeckung gehört eine schwarze Bändelhaube dazu, die der Schömberger Flohrhaube ähnelt.

Die Männertracht

Zur Männertracht gehören eine hellgelbe beziehungsweise cremefarbene, bestickte Hirschlederhose, ein rotes Brusttuch beziehungsweise eine rote Weste und ein schwarzes Wams. Dazu werden ein weißes Leinen- oder Baumwollhemd sowie Hosenträger getragen, die meist mit Rosen oder anderen roten Blumen bestickt sind.

Als Kopfbedeckung dient ein besticktes Käpple aus schwarzem Samt oder Tuch.

Auch die Knöpfe konnten etwas über die wirtschaftlichen Verhältnisse ihres Trägers erzählen. Wer es sich leisten konnte, schmückte seine Festtagskleidung mit Knöpfen aus echtem Silber. In verschiedenen historischen Trachten Baden-Württembergs sind Silber-, Taler- und Münzknöpfe überliefert, unter anderem als Bestandteil der Kleidung wohlhabender Bauern und Bürger. Sie waren damit nicht nur Verschluss und Schmuck, sondern konnten auch Wohlstand sichtbar machen. 1052

Kleidung für unterschiedliche Anlässe

Zum Kirchgang trugen verheiratete Männer einen langen, dunklen Mantel, das sogenannte Camisohl, und einen dreispitzigen Hut. Ledige Burschen trugen dagegen eine kurze Jacke, das Wams, sowie eine Otterpelzkappe oder einen runden Hut.

Für den gewöhnlichen Sonntag gab es eine etwas einfachere Tracht. An Werktagen wurden häufig ältere, bereits abgenutzte Trachtenstücke oder schlichte Kleidung aus gröberen Baumwoll- und Leinenstoffen getragen. Die aufwendige Festtagstracht blieb den besonderen Anlässen vorbehalten.

Was Trachten erzählen

1. Kleidung als Ausdruck der Lebensumstände

Tracht war mehr als Kleidung. Sie konnte Hinweise auf Herkunft, Familienstand und gesellschaftliche Stellung geben. Auch der Anlass bestimmte das Erscheinungsbild – vom Werktag über den Kirchgang bis zum besonderen Fest oder zur Trauerzeit. Welche Einzelheiten welche Bedeutung hatten, war regional unterschiedlich. 1078

2. Auch Trachten veränderten sich

Was wir heute als historische Tracht kennen, war keine unveränderliche Kleidung. Neue Stoffe, Schnitte und modische Einflüsse veränderten sie im Lauf der Zeit. Unsere rekonstruierte Ostelsheimer Festtagstracht zeigt deshalb bewusst einen Ausschnitt dieser Entwicklung: die Kleidung um 1850. 1077

3. Nicht jeder durfte tragen, was er wollte

Kleidung war früher nicht allein eine Frage des persönlichen Geschmacks oder des Geldbeutels. Historische Kleiderordnungen regelten zeitweise, welche Stoffe, Verzierungen und Kleidungsformen den verschiedenen gesellschaftlichen Ständen zustanden. Kleidung konnte soziale Unterschiede damit nicht nur sichtbar machen – diese Unterschiede wurden auch durch Vorschriften festgeschrieben. 1078

4. Herkunft und Glaube prägen die Tracht

Religion, politische Zugehörigkeit und Herkunft prägten die Lebenswelt der Menschen – und konnten auch ihre Kleidung beeinflussen. Wie vielfältig diese Geschichte ist, zeigt schon die nähere Umgebung: In Neuhengstett siedelten sich um 1700 Waldenser aus dem heutigen Piemont an. Mit ihnen kamen eigene religiöse und kulturelle Traditionen in die Region. 1108

Diese Herkunft wird auch in der heute dort gepflegten Waldensertracht sichtbar. Sie wurde zur 300-Jahr-Feier des Ortes im Jahr 2000 nach Vorbildern aus dem italienischen Waldensertal Torre Pellice zusammengestellt. Besonders charakteristisch sind die Haube und das Schultertuch mit dem Waldenserwappen, das die Verbindung zum Glauben ausdrücklich zeigt. So begegnen sich in unserer unmittelbaren Nachbarschaft unterschiedliche Trachtentraditionen: die schwäbisch-württembergischen Vorbilder unserer Ostelsheimer Tracht und die aus den piemontesischen Waldensertälern stammenden Vorbilder Neuhengstetts.